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die ersten drei Monate im Jahr 2021 sind vergangen und die Pandemie hat unser Handeln immer noch im Griff. Veranstaltungen des HGMV können noch nicht stattfinden und so bleibt uns nur die Verbindung über unsere Homepage. Aber Ostern steht vor der Tür, der Frühling steht in voller Blüte und das bringt doch ein wenig Freude in unser Leben. Auch im April, hält der HGMV wieder einen Vortrag für Sie bereit. Für diejenigen unter den Mitgliedern, die keinen PC besitzen, würde ich den Vortrag ausdrucken und versenden. Einfach eine Nachricht an mich, E-Mail: g.liebergesell@web.de, Telefon: 03606/6525860 oder Robert-Koch-Str. 5, 37308 Heilbad Heiligenstadt.

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Kommerzienrat Joseph Rodenstock

Verfasser: Günter Liebergesell

Am 11. April jährt sich zum 175 Mal der Geburtstag von Josef Rodenstock.

In der Hauptstadt des Eichsfeldes, in Heilbad Heiligenstadt, gibt es sogar eine Josef-Rodenstock-Straße. 

Nun fragen Sie sich: „Wer ist bzw. wer war dieser Josef Rodenstock?“ Wenn Sie Brillenträger sind, wissen sie es.

Josef Rodenstock gründete vor 144 Jahren das Unternehmen „G. Rodenstock. Fabrikation mathematischer & physikalischer Instrumente“.

Die Rodenstock GmbH oder wie man auch heute sagt die Rodenstock Group ist ein weltweiter Innovationsführer im Bereich Augengesundheit und bedeutender Hersteller von Brillengläsern und Brillenfassungen. Das 1877 gegründete Unternehmen mit Sitz in München ist in mehr als 85 Ländern mit Vertriebsniederlassungen vertreten. Die Rodenstock GmbH beschäftigt weltweit rund 4.900 Mitarbeiter und unterhält Produktionsstätten in 13 Ländern.

Doch wie wurde aus einem Eichsfelder Wanderhändler ein Brillenfabrikant?

Mit Weitblick.

Aber schauen Sie selbst.

Am 11. April im Jahre 1846 erblickte Josef Rodenstock, das Erste von vier Kindern, als „Ershisser Gölkenschießer“(1) in dem eichsfeldischen Dorf Ershausen das Licht der Welt. Just in diesem Jahr musste sein Vater Georg Rodenstock die Wollkammfabrik, die er in Hildebrandshausen leitete und die zu der Firma Wirth aus Karlsruhe gehörte, schließen. Der Konkurrenz der neuen dampfbetriebenen Maschinen konnte seine Firma nicht standhalten. Die Familie verlor ihre Existenzgrundlage, sowie die Dienstwohnung und so mussten Georg und seine Frau Maria Elisabeth, geb. Althaus, zurück nach Ershausen in das stattliche Haus des Großvaters Christian Rodenstock ziehen.

Glaubt man der Familiengeschichte, waren die Rodenstocks als kurmainzische Beamte, Rentmeister und Steuererheber auf das Eichsfeld gekommen und später Wagenbauer geworden.

Der Umzug nach Ershausen verschluckte einen Großteil des Familienvermögens und der Rest ging bei dem Versuch verloren, eine Maschine zur Herstellung von Nähgarn zu entwickeln. Die Konkurrenz aus Belgien war auch hier zu groß. So entschloss sich Georg Rodenstock als Handlungsreisender das Geld für die Familie zu verdienen. Schon 1852 hatte er ein kleines Vermögen erarbeitet und die Familie konnte sich ein eigenes Haus in Ershausen kaufen.

Da sich ein Großteil der Handlungsreisen auf das Rheinland erstreckten und die Familie dadurch längere Zeit getrennt war, drängte Maria Elisabeth Rodenstock 1859 darauf, ein Haus und ein kleines Bauerngut in Krumscheid bei Asbach im Kreis Neuwied zu kaufen. Das Familieneinkommen verschlechterte sich wieder und schon 1860 musste die Familie Rodenstock erneut umziehen, und zwar nach Krippen bei Remagen.

Dieser Ort war gut gewählt, denn er hatte eine sehr gute Verkehrsanbindung.

Josef Rodenstock musste als Jugendlicher von 14 Jahren, für den Unterhalt der Familie als Tagelöhner mitarbeiten. Er war ein sehr aufgeweckter junger Mann mit einem enormen Durst nach Bildung und Wissen. Den Weg auf ein Gymnasium verbot ihm die Mutter mit der Begründung, er solle arbeiten und Geld verdienen, denn er wisse schon mehr als man im Leben brauche. Josef Rodenstock verkündete daraufhin seinem Vater er wolle Lehrer oder Theologe werden. Doch die schlechte wirtschaftliche Lage seiner Familie und eine Typhuserkrankung seines Vaters, zwangen ihn seine Pläne aufzugeben. So wurde er zu einem Autodidakten und blieb dies ein Leben lang.

Vom Vater bekam er das Startkapital von eineinhalb Talern und machte sich mit Kurzwaren, wie Knöpfe, Zwirn, Schnallen, Nadeln usw. auf den Weg in den Westerwald. Schon nach 14 Tagen hatte er alles mit Gewinn verkauft. Mit neuer Ware zog er erneut los und an Weihnachten 1860 konnte er seinem Vater 50 Taler Gewinn auszahlen.

Das freute den Vater sehr und er beantragte für sich einen Gewerbeschein. Josef war dafür noch zu jung und so zog der Vater mit seinem Sohn Josef durch die Lande. Josefs Onkel Johann Georg erzählte ihnen, dass die jüdischen Händler im Raum Köln/Bonn gute Geschäfte mir Brillen und Rasiermessern machten. So kauften sie in Neuwied Brillen und Quecksilberbarometer ein und konnten letztere erfolgreich weiterverkaufen. Josef Rodenstock fand schon bald heraus, wie man beschädigte Röhrchen dieser Barometer wieder füllen konnte und entschloss sich, sie selbst herzustellen. Im Thüringer Wald ließen sie Glasröhrchen herstellen, in Ershausen die Holzgehäuse und die Skalen, die mit dem Namen Rodenstock bedruckt waren, wurden in Würzburg bestellt. Bei Materialkosten von 2,50 Mark und einem Verkaufspreis bis 12 Mark, war das ein einträgliches Geschäft.

Der Familie ging es wirtschaftlich wieder gut und Josef konnte sich Bücher und Zeitschriften besorgen, die er verschlang. 

Im Herbst 1861 zog die Familie wegen Heimweh der Mutter wieder nach Ershausen. Von 1862 bis 1864 konnten Vater und Sohn Rodenstock ihr Geschäft als wandernde Händler vom Eichsfeld aus kräftig ausweiten. Ab 1872 nannte sich das Unternehmen „G. Rodenstock. Fabrikation mathematischer & physikalischer Instrumente“ und verkaufte zahlreiche selbstkonstruierte Instrumente wie Taschen-Säuremesser zur Bestimmung der Essigsäure in Bier oder Wein, eine Lupe für die Hopfenprüfung, Metalltachometer für Bierwürzen, eine Wasserwage für Maurer und Zimmerleute und die Anfertigung der ersten Brillenfassungen aus Golddoublé. In dieser Zeit erfand Josef Rodenstock auch seine ‚Diaphragma-Brillengläser‘ die er aber erst 1877/78 in Würzburg fertigen konnte. Mit all diesen Produkten zeigte Josef Rodenstock sein Können und Ideenreichtum und steigerte so das Familienvermögen in wenigen Jahren auf eine Summe von 30.000 Mark. Das Absatzgebiet der Firma Rodenstock erstreckte sich im Norden von Weener in Ostfriesland, Hamburg und Bremen über Luxemburg und Trier im Westen, Bozen und Trient im Süden und im Osten bis Ostrau, Wien, Olmütz und Ratibor.

Um alle seine Kunden zu betreuen reiste Josef Rodenstock kreuz und quer durch die Lande. Aus dem Unternehmen war ein Familienbetrieb geworden. Josef und seine Geschwister reisten durch das Land und nahmen Bestellungen auf und der Vater übernahm den Versand von Ershausen aus. Um all diese Kunden zu beliefern, bestellte die Firma Rodenstock bei verschiedenen Betrieben Instrumente und Geräte, führte in Ershausen eine Art Endbehandlung durch und schickte sie neuverpackt mit dem Namen G. Rodenstock auf die Reise zu den Kunden.

Josef Rodenstock beschäftigte sich in dieser Zeit sehr intensiv mit den Brillen. Nicht als Geschäft, sondern rein wissenschaftlich. Ein Buch sollte sein Leben grundlegend ändern.  Der Utrechter Augenarzt Professor Frans Cornelis Donders hatte es geschrieben, dass Josef Rodenstock in seinen Bann zog: „Die Anomalien der Refraction und Accomodation des Auges“. Er studierte das Buch genau und beschloss, sich in Zukunft mit der Herstellung von Brillen zu beschäftigen. Um seine im Selbststudium erworbenen Kenntnisse zu festigen, absolvierte er neben seiner Arbeit ein Volontariat bei einem befreundeten Optiker. Um diese seine konkreten Ziele zu verwirklichen beschloss er eine eigene Firma zu gründen. Er fasste die Städte Frankfurt, München, Würzburg und Paris ins Auge. Bei einer Informationsreise durch die Städte fand er in Würzburg die passenden Räume. 1877 hatte sich Josef Rodenstock die Summe von 30.000 Mark für eine Firmengründung gespart. Am 12. Oktober 1878 meldete er sich als ‚Fabrikant von physikalischen, optischen und mathematischen Instrumenten‘ in Würzburg an. Seine Geschwister Michael, Alois und Margarethe halfen ihm und auch die Eltern versorgten die Kinder vom Eichsfeld aus mit Lebensmitteln wie Most, Fett, Rippenbraten, Butter und natürlich durfte die gute Eichsfelder Wurst nicht fehlen. So wie auch Eltern heute noch ihren Kindern, die in der Fremde sind, Stracke und Feldkicker zukommen lassen.

Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn muss aber nicht problemlos gewesen sein. Obwohl Josef aus Ehrfurcht vor dem Vater die Firma G. Rodenstock nannte, er aber der Kopf des Unternehmens war, sprach sein Vater Georg Rodenstock von ‚seinen Reisen’ und ‚seinen Fabrikaten‘.

Die Geschäfte in Würzburg florierten und so konnte Josef Rodenstock, der 1877 mit einem Mitarbeiter begonnen hatte, 1880 schon 30 Leute beschäftigen. 1879 reichte er sein erstes Patent mit der Nummer 10252, Achromatische Augengläser bzw. Diaphragma-Gläser, ein.

Ein großer Abnehmer seiner Instrumente war die Universität in Würzburg. Rodenstock baute nach Entwürfen der Professoren Spezialgeräte. Die Präzision und Handlichkeit der Geräte war so gut, dass ihm das Amt des „Universitätsmechanikers“ übertragen wurde.

Der Inhalt zweier Bücher, die er gelesen hatte, wurden zu seinen Lebensgrundsätzen: ‚Die Philosophie des Kaufmanns’ und ‚Benjamin Franklins Lebenserinnerungen‘. Sein Grundsatz war: „… mein Streben, meine Kenntnisse stets zu erweitern, stets Fleiß, Sparsamkeit, Sittlichkeit, Reellität zu pflegen.“

1880 entschloss sich Josef Rodenstock zur Gründung einer eigenen Familie. Am 10. August des Jahres heiratete er die 20jährige Maria Schmöger, Tochter eines Gymnasiallehrers und Musikdirektors. Aus dieser Ehe gingen neun Kinder hervor.

•          Elisabeth „Elsa“ Theresa (1881-1976)

•          Alexander (1883-1953) ab 1919 Firmenchef

•          Mathilde Maria Johanna (1885-1974)

•          Olga (1887-1925)

•          Irmgard (1891-1982)

•          Brunhilde Berta Hedwig (1893-1935)

•          Hedwig (18996-1990)

•          Konrad (1897-1917)

•          Hermann Josef (1900-1953)

Am 1. April 1881 wurde sein „Brillen-Anmess-Apparat verbunden mit Pupello- und Strabometer“ patentiert.

Eine Vergrößerung der Firma in Würzburg war nicht möglich, auch fehlte es dort am nötigen Fachpersonal. So wurde der Firmensitz ab 1883 nach München verlegt. Und 1886 wurde das Rodenstock Firmengrundstück an der Isartalstraße im heutigen Dreimühlenviertel erworben. Im Jahr 1898 konnte er in Regen im Bayerischen Wald ein Schleifereibetrieb errichten und nun seine eigenen Gläser fertigen. Ein Jahr später fertigte Josef Rodenstock die ersten Korrektions-Sonnenschutzgläser mit UV-Schutz. Auch Feldstecher, Operngläser und Optiken für Kameras gehörten zu seinen Produkten.

In den Jahren 1896/97 baute sich Josef Rodenstock in Erl, am Fuße des Kaisergebirges, eine Villa, die er 1916 mit einer Landwirtschaft erweiterte. Dies sollte sein Altersruhesitz werden. Mit dem Einstieg seines Sohnes Sohn Alexander Rodenstock im Jahr 1905 war die gesamte Fabrikation nach München umgesiedelt. 1919 schied Josef Rodenstock aus der Firma aus und zog sich mit einem Vermögen von 3,5 Millionen Goldmark auf seinen Alterssitz nach Erl bei Kufstein zurück.

Die Inflation in den 1920er Jahren und die damit einhergehende Reduzierung seines Vermögens setzten ihm sehr zu. Er ließ die Wut über die Verluste an seinen Kindern aus. So schrieb er an seinen Sohn Alexander: „Ich muss es heute als den größten Fehler meines Lebens erachten, meine Unternehmung und mein mit Schweiß erworbenes Vermögen den Händen der Kinder anvertraut zu haben.“ Doch kurz vor seinem Tod scheint er sich mit der Familie wieder versöhnt zu haben. Er schrieb an seinen Sohn: „Es war für mich eine kampf- und sehr arbeitsreiche Zeit und doch würde ich bevorzugen, diese zu wiederholen, statt der derzeitigen Leidenszeit eines hohen Alters, in der man den senilen Beschwerden nicht mehr Herr wird.“

Josef Rodenstock starb am 18. Februar 1932 auf seinem Landgut in Erl.

  • (1) Wie in den meisten Eichsfelder Orten, tragen auch die Ershäuser einen Spitznamen. Die Einwohner werden scherzhaft als „Erschisser Gelkenschießer oder Gölkenschießer“ bezeichnet. Dieses rührt aus der Tradition her, dass in Ershausen durch Heirat neu zugezogene Bürger anlässlich der großen Kirmes jeden Jahres in die „Gelke“, einem aus Holz bestehenden Waschbottich, gesetzt und dadurch „eingebürgert“ wurden.

Literaturhinweise:

  • Aufsatz: Lothar Jakob; Kommerzienrat Joseph Rodenstock- ein Mann mit Weitblick
  • „Amüsantes und Spitzes aus dem Eichsfeld“; Ershausen, Regionale Verlag Auleben, 1999
  • Festschrift 1272-1997, 725 Jahre Ershausen, Heiligenstadt 1997
  • https://www.yumpu.com/de/document/read/2862102/die-erste-generation-josef-rodenstock-1877-1905
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Rodenstock_(Unternehmen)
  • https://hessens.de/index.php/Eichsfeldisches/EichsfelderSpitznamen

Bildnachweis:

  • Porträt Josef Rodenstock: mit freundlicher Genehmigung der Porträtsammlung des Münchner Stadtmuseum, Inventarnummer: FM 90/40.
  • Wohnhaus der Eltern: Sammlung Mike Gries
  • Animation: MyHeritage