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Der Durchzug der Hannoverschen Armee durch Heiligenstadt zur Schlacht bei Langensalza

Verfasser: Günter Liebergesell

Die Vorgeschichte jenes Tages in Sommer 1866, an dem Hannovers Truppen durch Heiligenstadt zogen, um dann bei Langensalza sich mit den Preußen eine der großen Schlachten des Deutschen Krieges zu liefern, ist kompliziert und beginnt mit dem Wiener Kongress von 1815.

Nachdem Napoléon bei Waterloo besiegt worden war, wollten die Monarchen, Fürsten und Herzöge die alte feudalstaatliche Ordnung, soweit es nur irgend ging, in ihren Ländern wiederherstellen. Das Ergebnis war der Deutsche Bund mit dem Kaisertum Österreich, vier deutschen Königreichen wie Bayern, Sachsen, Hannover und Württemberg, dem Staat Preußen sowie etlichen Herzog- und Fürstentümern und Freien Städten.

Vieles an diesem Deutschen Bund mutet heute skurril an.  Großbritannien zum Beispiel zählte von 1714 bis 1837 in gewisser Weise zu der europäischen Adelsallianz, weil die Könige von Hannover bis zu eben jenem Jahr in Personalunion auch Könige von Großbritannien waren. Auch der König von Dänemark war wegen seiner Herrschaft über Lauenburg und Holstein genauso Mitglied im Deutschen Bund wie der König der Niederlande, der Luxemburg und später Limburg vertrat. Tonangebender Politiker dieser Zeit war der Österreichs Kanzler Klemens von Metternich, ein Erzreaktionär, der alles verfolgen ließ, was nach Liberalismus oder gar Demokratie roch.

Nach der Revolution von 1848/49 und des politischen Frühlings mit dem Parlament in der Frankfurter Paulskirche keimte Hoffnung auf, dass der Deutsche Bund einen neuen Weg einschlagen könnte. Doch diese Hoffnungen waren ein Trugbild. Denn Truppen der Mitgliedsstaaten des Bundes wurden sogar einige Male gegen Revolutionäre vor allem in Südwestdeutschland eingesetzt.

1863 begann der Deutschen Bund auseinanderzubrechen. Der dänische König Friedrich VII. wollte die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg enger an die dänische Krone binden. Das löste einen heftigen Protest aus. Preußen und Österreich stellten Dänemark ein Ultimatum, die neue Verfassung außer Kraft zu setzen und sich aus Schleswig zurückzuziehen.

Im Februar 1864 griffen Preußen und Österreich Dänemark an und ignorierten dabei die Proteste von Königen und Herzögen. Im Juli 1864 unterzeichnete Dänemark den Waffenstillstand. Im Juni 1866 nahm Berlin eine politische Entscheidung Wiens zum Anlass, in dem seit dem dänischen Krieg von den Österreichern verwalteten Holstein einzumarschieren, die Preußen verwalteten nach 1864 Schleswig. Die Österreicher wiederum hielten Preußens Vorstoß für eine Verletzung der Statuten des Deutschen Bundes vor und beantragten die Mobilisierung der Bundestruppen gegen Preußen. Dies spaltete den Bund. Einige Mitglieder schlugen sich auf die Seite Preußens, andere wie Bayern, Sachsen und auch Hannover, stimmten für Österreich. Bismarck erklärte daraufhin den Deutsche Bund für aufgelöst, weil Österreich die Regeln nicht eingehalten habe. Der Kampf zwischen Preußen und Österreich um die Vorherrschaft in Deutschland wurde im Krieg von 1866 mit Waffengewalt unter großen Opfern ausgetragen.

Im Deutschen Bund, geführt von Österreich, vereinten sich die Königreiche Sachsen, Bayern, Württemberg und Hannover, das Großherzogtum Hessen, Baden, das Herzogtum Sachsen-Meiningen, das Kurfürstentum Hessen, das Herzogtum Nassau und die Freie Stadt Frankfurt sowie das Fürstentum Liechtenstein.

Preußens Verbündete waren Italien, die Großherzogtümer Oldenburg, Mecklenburg-Schwerin, die Freien Hansestädte Hamburg, Bremen und Lübeck, das Herzogtum Braunschweig und Sachsen-Altenburg, Anhalt, Sachsen-Coburg und Gotha und das Fürstentum Lippe, Waldeck-Pyrmont sowie das Großherzogtum Mecklenburg-Strelitz.

Als preußische Verbände am 15. und 16. Juni von Hamburg und Minden auf Hannover vorrücken, versucht die hannoversche Armee nach Süden auszuweichen und sich mit den Truppen seiner Verbündeten zu vereinigen. Der Krieg hatte begonnen.

König Georg V. von Hannover befahl das Sammeln seiner Truppen bei Göttingen, um von dort nach Eschwege, entlang der Werra nach Eisenach zu marschieren, weil man dort das Zusammentreffen mit den Bayern erhoffte.

Am 21. Juni, morgens um vier, ritt der greise und blinde König sowie der Kronprinz an der Spitze einer etwa 20.000 Mann zählenden Armee in Göttingen los, ohne genaue Kenntnis der Stärke und Stellung der Bundestruppen, um in das nunmehr feindliche eichsfeldische Preußen zu gelangen. Das erste Ziel war Heiligenstadt. Bis Brehmke, dem letzten Dorf seines Königreiches, begleitet er auf seinem weißen Pferd seine Armee, um sie dann am Nachmittag in Heiligenstadt wiederzutreffen und vor dem Hotel „Reichshof“, heute das Amtsgericht, eine Truppenparade abzunehmen. Dieser Weg über Heiligenstadt in Richtung Mühlhausen und Gotha wurde erst kurz vor dem Aufbruch festgelegt. Die Preußen hatten so über die neue Marschroute der Hannoveraner keinerlei Kenntnis.

Gegen halb acht am Morgen wurde beim Gut Vogelsang die Grenze zur preußischen Provinz Sachsen überschritten. Der Weg führte über Bischhagen und Siemerode nach Heiligenstadt. Ein Siemeröder gab den entscheidenden Hinweis an die Preußen, welchen Weg die Hannoverschen genommen hatten: „Ich befand mich gerade auf dem Felde und sprach mit dem Schulzen, als wir mit einem Male hannoversche Dragoner aus Siemerode schon heraus und auf der Landstraße nach Heiligenstadt weiterreiten sahen. ‚Christian‘ sagte der Schulze zu mir, ‚da hilft nichts, du musst nach Heiligenstadt und es dem Herrn Landrat melden‘. Nun, dahin konnte ich schon nicht mehr auf dem nächsten Wege, denn sonst hätten sie mich gefangen. Also schnell abgeschirrt und nun auf meiner ungesattelten Stute, was das Pferd laufen konnte, über Mengelrode nach Heiligenstadt. Ich kam hin, ehe die Hannoverschen da waren. So konnte noch telegrafiert werden. Als sie nun kamen und das Telegrafenamt besetzten, da wussten sie’s in Berlin, dass sie kamen“. Mit diesen Worten schildert der Siemeröder Gastwirt Christian Riethmüller seinen beherzten Ritt nach Heiligenstadt, der seiner Stute fast das Leben gekostet hätte.

Bei glühender Hitze, bereits in den Morgenstunden, erreicht das hannoversche Heer um neun Uhr die Stadt. Die Einwohner hatten Erbarmen und stellten mit Wasser gefüllte Eimer an den Straßenrand. Dieser Krieg, in dem nun Deutsche gegeneinander kämpfen sollten, stieß auch bei den hannoverschen Soldaten auf wenig Begeisterung. Bereits der Marsch wurde mehrfach zum Desertieren genutzt. Eichsfelder Bauern fanden im Spätsommer bei der Getreidemahd immer wieder Uniformen, die heimlich gegen mitgebrachte Zivilkleidung umgetauscht wurde, um unerkannt fliehen zu können.

In Heiligenstadt angekommen, drang ein hannoverscher Offizier sofort mit gezogenem Degen in das Telegrafenamt, heute Wilhelmstraße 39, ein und hieb den Taster des Apparates entzwei.  Zu spät, wenige Minuten vorher hatte man, dank Christian Riethmüllers Information, eine Meldung nach Erfurt absetzen können, sodass die Preußen gerade noch rechtzeitig über den Weg der feindlichen Armee informiert waren und entsprechende Vorkehrungen treffen konnten.

Die Armee des Königreiches Hannover erreichte am 23. Juni Langensalza. Sie bezogen mit ihrer Hauptmacht, etwa 16 000 Mann, in der Nacht vom 26. zum 27. Juni zwischen den Orten Thamsbrück, Merxleben und Nägelstedt nördlich der Unstrut eine Verteidigungsstellung. Am Morgen rückte das preußische Corps mit etwa 9000 Mann von Gotha kommend zum Angriff vor. In ihm dienten die Männer des 11. und 25. Preußische Regiment und die 3. Kompanie des Herzoglich-Sachsen-Coburg-Gothaschen Infanterieregiments, die sich der Übermacht der Hannoveraner in einer blutigen Schlacht stellen mussten. Obwohl die Hannoveraner die Preußen aus Langensalza vertrieben, sie also militärisch gesehen besiegten, war es ein Pyrrhussieg schlimmsten Ausmaßes. (König Pyrrhus von Epirus hatte 279 v. Chr. die Römer bei Asculum im heutigen Apulien geschlagen. Sein Heer erlitt dabei so große Verluste, dass Pyrrhus danach sinngemäß gesagt haben soll: „Noch so ein Sieg, und wir sind verloren.“)

Am 29. Juni 1866 musste die Hannoversche Armee wegen der technischen Überlegenheit Preußens kapitulieren. Da waren zum einen die modernen Zündnadelgewehre, die in der Königlichen Gewehrfabrik Erfurt seit 1862 produziert wurden. Doch noch wichtiger war die Nutzung der jungen Eisenbahn. Mit dessen Hilfe konnte in kürzester Frist nach anfänglicher, zahlenmäßiger Unterlegenheit ein Ring von 40.000 Soldaten um die 20.000 Hannoveraner samt ihrem König Georg V. gezogen werden. Hannover hatte rund 400 Gefallene und etwa 1500 Verwundete zu beklagen. Bei den Preußen starben etwa 200 Mann und 630 wurden verwundet.

Eines muss noch bemerkt werden. Das, auf Anregung von Henry Dunant 1863 gegründete Rote Kreuz, hatte seine erste Bewährungsprobe am 16. April 1864 im Deutsch-Dänischen Krieg an den Düppeler Schanzen, der zweite Einsatz auf deutschem Boden fand 1866 auf diesem Schlachtfeld bei Langensalza statt. Eine Gruppe von 30 Freiwilligen aus dem Gothaer Turnverein von 1860 kamen hier zum Einsatz. Sie folgten dem Aufruf von Konsul und Freiherr Hugo von Bülow, um nach einer Grundausbildung in Erster Hilfe den Verwundeten beider Armeen zu helfen. Sie trugen weiße Armbinden mit dem roten Kreuz.

Nachdem die Preußen den bald so genannten Deutschen Krieg mit der Schlacht bei Königgrätz, im heutigen Tschechien, am 3. Juli gegen Österreicher und Sachsen endgültig und nahezu triumphal für sich entschieden hatten, annektierten sie am 1. Oktober desselben Jahres das Königreich Hannover, das Kurfürstentum Hessen, das Herzogtum Nassau sowie die Freie Stadt Frankfurt. Infolge der Annektion des Königreichs Hannover durch Preußen gehörte das nördliche Eichsfeld ab 1866 zum Kreis Osterode, von dem 1885 der Kreis Duderstadt im Regierungsbezirk Hildesheim der Preußischen Provinz Hannover abgetrennt wurde.

Literatur:

Bildnachweis:

  • Schlacht bei Langensalza (Foto: Public Domain/Bild ist gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.)