Aktuelles

Liebe Mitglieder des HGMV und Geschichtsinteressierte,

Veranstaltungen des HGMV können wegen der Corona-Pandemie noch nicht stattfinden und so bleibt uns nur die Verbindung über unsere Homepage. Auch im Juni, hält der HGMV wieder einen Vortrag für Sie bereit. Für diejenigen unter den Mitgliedern, die keinen PC besitzen, würde ich den Vortrag ausdrucken und versenden. Einfach eine Nachricht an mich, E-Mail: g.liebergesell@web.de, Telefon: 03606/6525860 oder Robert-Koch-Str. 5, 37308 Heilbad Heiligenstadt.

Wenn Sie noch nicht Mitglied des HGMV sind, dieses aber werden möchten, dann finden Sie auf dieser Homepage unter „Mitglied werden“ alles Nötige.

Was hat Friedrichslohra mit dem Eichsfeld zu tun?

Verfasser: Günter Liebergesell

In der letzten Strophe des Eichsfeld Liedes von Dr. Hermann Iseke heißt es „Eichsfelder mit Frohwanderblut …“. Gut, dass dem so ist und die Eichsfelder nicht nur das Eichsfeld selbst, nein auch die angrenzenden Regionen bewandern. So können Sie mit mir, heute einen Blick auf die Gemeinde Großlohra werfen.

Großlohra besteht aus vier Ortsteilen. Großwenden und Kleinwenden, die wahrscheinlich im Mittelalter als slawische Siedlungen (wendisch) entstanden sind; 1344 erfolgte die urkundliche Ersterwähnung dieser beiden Orte. Weiter aus Münchenlohra, das schon 1240 erstmals urkundlich erwähnt und als Gut um das ehemaligen Hauskloster und Kirche der Grafen von Lohra entstand. Der vierte Ort Friedrichslohra ist eine Gründung des preußischen Königs Friedrich II. oder Friedrich der Große und seine urkundliche Ersterwähnung erfolgte 1776/77.

Und da wird es für uns Eichsfelder interessant.

Bevor wir aber näher auf diesen interessanten Umstand eingehen, werfen wir erst einen Blick auf die Grafschaft Lohra und seine Geschichte.

Die Entstehungsgeschichte der Grafschaft Lohra liegt im Zusammenhang mit dem Sachsenkrieg König Heinrich IV. aus der Familie der Salier, der in den Jahren 1073 bis 1075 einen Schwerpunkt in Nordthüringen hatte. König Heinrich IV. befand sich im Kampf mit den Großen der Region um die Vorherrschaft über die Gebiete um den Harz und Thüringens. Das Gebiet um Lohra liegt an der Gabelung der Straßen von Nordhausen nach Mühlhausen, mit dem Aufstieg auf die Hainleite und ins Eichsfeld, durch die Eichsfelder Pforte im Wippertal und diente den Königen somit als Verbindung zwischen den Krongütern um den Harz und im Werratal um Eschwege. Ein erster königlicher Sicherungsversuch durch die Errichtung der Hasenburg bei Buhla im Eichsfeld scheiterte 1074 in diesem Krieg, durch deren Zerstörung. Um ihre regionale Stellung gegenüber dem sächsischen Adel dennoch zu konsolidieren, richteten die Salier vermutlich eine Grafschaft ein und gaben sie an Verwandte der Ludowinger, die im Sachsenkrieg zumindest keine offene Gegnerschaft zum König pflegten. 1116 wird die Burg erstmals urkundlich erwähnt, die Vermutungen gehen aber dahin, dass sie wesentlich älter ist.

Ein Graf Berengar von Linderbach, hatte von seinem Vater im Wippertal diese Grafschaft als Erbe erhalten, in die er sich ums Jahr 1100 die „Burg Lohra“ erbaute, nach der er, wie es üblich war, sich selbst und seine Herrschaft dann nannte. Die Eltern dieses Berengar von Lohra waren Dietrich Graf von Linderbach und Uta, Tochter des Grafen Ludwig des Bärtigen, des Stammvaters der Ludowinger. Berengars Schwester Adelheid stiftete 1127 das nahe gelegene Kloster Walkenried.

Die Lage der Burg Lohra war von hohem strategischem Wert. Hoch auf einem Bergsporn der Hainleite mit einer ungehinderten Aussicht zum oberen Wippertal. Nach drei Seiten fällt hier der Berg steil ab und auf seiner östlichen Seite, auf der der Bergsporn mit dem Bergplateau verbunden ist, wird die Burg durch einen tiefen Wallgraben geschützt. Die alte Heerstraße, welche den Verkehr zwischen den altsächsischen Ländern und Thüringen verband, ging von Braunschweig über Goslar, Osterode und Duderstadt, nach Worbis und über Sollstedt ins Tal der Wipper, zog sich dann schräg über die Niedergebraische Flur und überstieg bei Lohra den Pass der Hainleite und führte über Ebeleben und Erfurt bis nach Nürnberg.

Durch diese besondere Lage bekam die Burg Lohra ihre große Wichtigkeit. Denn mit ihr erhielt der Burgherr volle Gewalt über den durchgehenden Verkehr und verschaffte sich zugleich durch Erhebung eines Zolles, eine nicht unbeträchtliche Einnahme. Gut einhundert Jahre herrschten die Grafen von Lohra in ihrem Gebiet, das sich bis nach Worbis erstreckte (erst 1373 erwarb der Mainzer Kurfürst Adolf von Nassau den restlichen Anteil von Worbis, den er sich seit 1348 gemeinschaftlich mit dem Landgrafen von Thüringen teilte).

Nach Berengar I. folgte Ludwig I., dann Ludwig II., ihm folgte Ludwig III. der auch 1188 als Vogt von Eschwege in Erscheinung tritt. Die guten Beziehungen zum staufischen Königshaus sorgten im späten 12. Jahrhundert für einen hohen Wohlstand der Grafen von Lohra, der sich um 1170 in reger Bautätigkeit äußerte. Zu dieser Zeit entstanden die bedeutende romanische Doppelkapelle auf der Burg Lohra und auch die Klosterkirche, Basilika St. Gangolf, in Münchenlohra. Mit Ludwig IV. endet die Eigenständigkeit der Grafschaft durch den Tod des Grafen auf dem Kreuzzug im Jahr 1227 mit dem Landgraf Ludwig IV. von Thüringen ins Heilige Land. Die Grafen von Lohra werden nach diesem Zeitpunkt nicht mehr erwähnt.

Die Grafen von Beichlingen übernahmen 1227 nun Herrschaft und Burg Lohra. 1320 mussten sie Teile der Herrschaft an die Grafen von Hohnstein verkaufen. Diese residierten bis zu ihrem Aussterben 1593 auf der Burg.

Während des Dreißigjährigen Krieges wurde die Burg mehrmals erobert und stark beschädigt und verlor so ihre Bedeutung. Zu Ende des Dreißigjährigen Krieges 1648 waren die ehemaligen Hohnsteiner Gebiete schwedisch besetzt. Im Westfälischen Frieden wurde die Grafschaft dem Kurfürstentum Brandenburg zugesprochen. Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg, „der Große Kurfürst“, hatte jedoch seinem Geheimen Rat, den schwedischen Obristen Graf Johann zu Sayn-Wittgenstein, die Grafschaft Hohnstein für seine Verdienste bei den Friedensverhandlungen versprochen und diese ihm bereits am 27. März 1647 überschrieben. Allerdings wusste der Kurfürst nichts über die wahre Beschaffenheit der Grafschaft. Der Geheime Rat hatte ihm versichert, dass die Grafschaft lediglich aus zwei Ämtern und dem Städtchen Bleicherode bestand und nur „wenige 100 Thaler wert sei“.

Erst später erfuhr der Kurfürst die wahre Größe und den wahren Wert der Grafschaft. Die Verhandlungen des Kurfürsten mit dem Grafen über die freiwillige Abtretung der Grafschaft verliefen erfolglos. So befahl am 25. November 1699 Kurfürst Friedrich III. die Einstellung aller Verhandlungen und bemächtigte sich am 12. Dezember unter Anwendung von Gewalt endgültig der Grafschaft Hohenstein. Am 18. Januar 1701 wurde der Kurfürst als Friedrichs I. in Königsberg zum ersten König in Preußen gekrönt. Der Papst akzeptierte Friedrichs Königswürde nie, denn Preußen war seit 1525 lutherisch, und Friedrichs Vater, der Große Kurfürst, hatte im Westfälischen Frieden die evangelische Seite gegen das Papsttum vertreten. Lohra wurde nun in eine Königliche Domäne umgewandelt.

Um diese Zeit errichtete der Schultheiß Johann Andreas Becker in Bleicherode ein großes Wollgeschäft, das von seinem Nachfolger Jakob Trautvetter noch vergrößert wurde. Nun gab es aber in dieser Gegend nicht genug Fachleute, um die Wolle zu verarbeiten. Sie musste in das nahegelegene Eichsfeld geschafft werden, denn dort stand die Wollspinnerei in voller Blüte. Da das Eichsfeld aber zu Mainz gehörte, war es für Preußen Ausland und es musste Zoll entrichtet werden. Dieser Umstand wurde nun Friedrich II. volkstümlich der „Alte Fritz“ genannt, vorgetragen. Er beschloss, damit die Wolle im eigenen Land verarbeitet wird und das Geld nicht mehr ins Ausland fließt, in der Nähe von Bleicherode eine Kolonie für katholische Wollspinner zu gründen. Das war ungewöhnlich und hat sicher nicht nur Freude bei den Menschen im Land hervorgerufen. Denn nach dem Augsburger Reichs- und Religionsfrieden lautete der Grundsatz, wer ein Land regiert, solle den Glauben bestimmen: „cuius regio, eius religio“, „wessen Land, dessen Religion“. Und Preußen war protestantisch. Für Friedrich II. zählte aber ein anderer Grundsatz, nicht zuletzt, um auch dringend benötigte Fachleute in sein Land zu bekommen. „Jeder soll nach seiner Facon selig werden“. Denn die Wolle wurde von den Webern in Bleicherode zu Tuch verarbeitet, deren Hauptabnehmer er, Friedrich der Große war, der viel Tuch für die Uniformen seiner Soldaten benötigte.

Das benötigte Land für diese Siedlung sollte die Domäne Lohra abgeben. Im Jahr 1776 befahl König Friedrich II. die Errichtung einer Kolonie mit 58 Kolonistenwohnungen, ein Backhaus und eine Gemeindeschenke sowie eine katholische Kirche, die auf den Namen St. Bonifatius geweiht wurde, ein Pfarrhaus und eine Schule auf einem königlichen Areal unterhalb der Burg, wo 1774 auf Anregung Smalians, des Pächters der Domäne, schon 22 Häuser einer Arbeiterkolonie entstanden waren. Für jedes Haus stellte der König 100 Taler zur Verfügung. Im Herbst 1777 war die Kolonie fertig und konnte mit eichsfelder Wollspinnern bezogen werden. Die Kolonisten stammten aus verschiedenen Eichsfelder Orten; nämlich: Mathias Töpfer aus Wachstedt, J. Heinrich Rademacher und Johannes Wachtel aus Hüpstedt, Heinrich Groß aus Beberstedt, Heinrich Kempfer aus Teistungen, Heinrich Rohrberg aus Ecklingerode, Johann Georg Heddergott aus Kreuzebra, Martin Richwin aus Lengenfeld, Johann Füdeler aus Effelder, Nikolaus Eberhardt aus Hildebrandshausen, Heinrich Montag aus Diedorf, Jakob Hübenthal aus Röhrig, Michael Geburtsky aus Breitenworbis, Cornelius Henning aus Kalmerode, Christian Kruse aus Heuthen, Christoph Albrecht aus Hohengandern, Nikolaus Leibling aus Thalwenden, Johann Waldheim aus Vollenborn, Friedrich Stolze aus Deuna, Heinrich Günther aus Bernterode, Adam Beinemann aus Berlingerode, Heinrich Burghard aus Birkungen, Heinrich Strümper aus Neustadt, Valentin Schöcke aus Niederorschel, Nikolaus Kaufholz aus Döringsdorf, Nikolaus Siebert aus Helmsdorf und Nikolaus Deschner aus Silberhausen mit ihren Familien.

Die Häuser konnten unentgeltlich, als erbliches Eigentum erworben werden. Die ersten 15 Jahre waren Freijahre, danach sollte ein geringer Pachtzins entrichtet werden. Die Kolonisten waren verpflichtet, ihr Brot im Gemeindebackhaus backen zu lassen und ihr Bier und Branntwein durften sie nur in der Gemeindeschenke kaufen. Nicht alle Kolonisten verließen grundlos ihre Heimat, ein Teil hatte eine kriminelle Vergangenheit und mussten deshalb anderswo, so eben in Friedrichslohra einen neuen Anfang versuchen. Dies war nicht unproblematisch, denn um den kargen Spinnerlohn etwas aufzubessern, schmuggelten sie unter anderem Schnaps und Kautabak aus Nordhausen über die preußische Grenze nach Kurmainz. Die ansässige Bevölkerung und die der umliegenden Orte waren nicht sehr begeistert, wie man sich gut vorstellen kann, über den Zuzug so vieler fremder Personen. Der Zimmermeister Martin Schmücking aus Friedrichsrode, dem der Aufbau der Kolonialhäuser angetragen wurde, verweigerte sogar seine Mitwirkung unter dem Hinweis, dass er die Schuld nicht auf sich laden wolle, ungebetene Gäste in so großer Zahl herbeigezogen zu haben. Doch weder der Amtsrat noch die Domänenkammer in Halberstadt ließen sich von seiner Klage beeindrucken.

Am 14.Mai 1779 wurde in Berlin die Stiftungsurkunde für diesen neuen Ort ausgestellt. Zu seinem Stammnamen Lohra erhielt er noch den Namen des Gründers und so nennt sich der Ort seitdem Friedrichslohra.

Friedrich II. bestimmte noch, dass die Männerklöster seines Fürstentums Halberstadt ständig für einen geeigneten katholischen Geistlichen in Friedrichslohra zu sorgen hätten. 1803 wurden die reicheren Klöster aufgehoben und 1810 wurde die Missionsstation in Friedrichslohra dem Geistlichen Kommissariat in Heiligenstadt unterstellt. Mit dem Kommissariat Heiligenstadt kam Friedrichslohra zur Diözese Paderborn und 1929 infolge des neuen Konkordates zur Diözese Fulda.

Heute ist die Gemeinde Friedrichslohra nicht mehr rein katholisch. Durch Zuwachs der protestantischen Bevölkerung im 19. Jahrhundert, wurde 1852 die evangelische St. Bonifatius Kirche als Saalkirche aus Fachwerk ohne Turm, mit dreiseitiger Empore gebaut.

Ein Straßenname erinnert aber noch heute an die Gründungszeit, die „22er Straße“.

Literatur:

  • https://nordhausen-wiki.de/wiki/Burg_Lohra_(Heimatland_1910)
  • http://www.kaiserdom-koenigslutter.info/index.php/Lohra-und-Muenchenlohra.html
  • Bienert, Thomas: Betrachtungen zur Kernburg der Burg Lohra/Hainleite im 12. Jh. (Vorbericht). In: Burgen und Schlösser in Sachsen-Anhalt, Bd. 4., S. 28 – 34, Weimar 1995.
  • Bienert, Thomas: Mittelalterliche Burgen in Thüringen. Wartberg 2000
  • Döring, Klara: Geschichte der Burg Lohra. In: Meyenburg Museum (Hrsg.): Beiträge zur Heimatkunde aus Stadt und Kreis Nordhausen. Heft 2/3. Nordhausen 1978, S. 86–100.
  • Jakob, Johanna Marie: Taterndorf; Historischer Roman, Verlag: neobooks, 2014
  • Kahl, Wolfgang: Ersterwähnung Thüringer Städte und Dörfer. Ein Handbuch. Verlag Rockstuhl, Bad Langensalza, 2010, S. 80
  • Meyer, Karl: Die große Landwehr an der Westgrenze der Grafschaft Hohenstein-Lohra-Clettenberg. Zeitschrift des Harzvereins für Geschichte und Altertumskunde (10) 1877, St. 185 ff.
  • Meyer, Karl: Chronik der Grafschaft Hohnstein-Clettenberg-Lohra. Urkundliche Nachrichten über den Kreis Nordhausen und über die in ihm liegenden Oerter, Nordhausen 1875
  • Rademacher, Edgar: Vom Alten Fritz gegründet – mit Eichsfeldern besiedelt, 225 Jahre Friedrichslohra; in Eichsfleder Heimatzeitschrift, 48 Jahrgang, Heft 1, 2004
  • Schwennicke Detlev: Europäische Stammtafeln, Neue Folge, Band XVII, Frankfurt am Main, 1998, Tafel 89 Die Grafen von Lohra, von Berka und von Grieben (bei Tangerhütte).
  • Siegel Wolfram: Der heilige Gangolf in Münchenlohra an der Hainleite. Basilika, Kloster und karolingische Vorgeschichte. Lukas Verlag, Berlin 2005
  • Die Kapelle der Burg Lohra. In: Heimatland. Illustrierte Blätter für die Heimatkunde des Kreises Grafschaft Hohenstein, des Eichsfeldes und der angrenzenden Gebiete. Nr. 5, 1908.
  • Volmer, Ansgar: Friedrichlohra, eine Siedlung Friedrich des Großen für katholische Eichsfelder. In: Unser Eichsfeld, 27. Band, Jahrgang 1932, S 316-320, Verlag Mecke Duderstadt

Bilder:

Günter Liebergesell